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Forschungsergebnisse » 21.08.2007
Geburtshilfe: Werden Neugeborene zu früh abgenabelt?
21.08.2007
Ein zu frühes Abklemmen der Nabelschnur im Kreißsaal hat einer Meta-Analyse im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA) zufolge negative Folgen für den Neugeborenen. Hämatokrit und Ferritinspiegel waren langfristig vermindert. Ein Reproduktionsmediziner rät den Gynäkologen im Britischen Ärzteblatt (BMJ) vor der Abnabelung einige Minuten verstreichen zu lassen.

Vor dem ersten Atemzug wird das Neugeborene noch über die Plazenta mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Bei der Geburt befinden sich 25 bis 60 Prozent des Blutes und 60 Prozent der Erythrozyten des feto-plazentaren Blutkreislaufs in der Plazenta. Dieses Blut soll besonders reich an Stammzellen sein. Eine sofortige Abnabelung nach der Geburt trennt das Neugeborene von dieser Quelle, die nicht nur Sauerstoff, sondern zumindest auch Eisen, wenn nicht sogar wichtige Impulse (der Stammzellen) zur guten Entwicklung in den ersten Lebenswochen enthält.

Es gibt sogar Forscher, die Bluterkrankungen und sogar den Typ-II-Diabetes mellitus mit einer zu frühen Abnabelungen im Kreißsaal in Verbindungen bringen, wie Eileen Hutton und Eman Hassan von der McMasters Universität in Hamilton/Ontario in ihrer Publikation (JAMA 2007; 297: 1241-1252) berichten. Das mögen moderne Ammenmärchen sein, doch zumindest ein Einfluss auf den Hämatokrit und die Versorgung mit Eisen lässt sich nachweisen. Nach der Meta-Analyse auf der Basis von 15 kontrollierten Studien war der Hämatokrit im Blut des Neugeborenen nach 6 Stunden um 4 Prozentpunkte, nach 24 bis 48 Stunden um 10 Prozentpunkte und nach 5 Tagen um 12 Prozentpunkte höher, wenn die Nabelschnur erst abgeklemmt wurde, wenn keine Pulsationen mehr in ihr erkennbar waren oder wenn mehr als 3 Minuten seit der Geburt verstrichen waren.

Die Hämatokritwerte sind beim Neugeborenen recht hoch und das Risiko einer (allerdings asymptomatischen) Polyzythämie ist laut den Ergebnissen der Meta-Analyse tendenziell erhöht. Dies hatte aber keine Nachteile für das Neugeborene. Das Risiko auf respiratorische Probleme („respiratory grunting“) war ebenso wie die Notwendigkeit einer Behandlung auf Intensivstation nicht signifikant erhöht, obwohl die relativen Risiken sehr wohl in diese Richtung wiesen. Auch die von den Geburtshelfern befürchtete erhöhte Rate einer Hyperbilirubinämie mit Notwendigkeit einer Phototherapie ist nach den Ergebnissen der Meta-Analyse nicht erkennbar.

Dagegen hatten die spät abgenabelten Säuglinge noch nach 3 Monaten einen (allerdings auch nicht signifikant) um 0,47 g/dl höheren Hb-Wert. Auch die Ferritinspiegel waren im Alter von 2 bis 3 Monaten höher und Anämien traten zu diesem Zeitpunkt nur halb so häufig auf (Relatives Risiko 0,53; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,40-0,70). Hutton und Hassan empfehlen den Ärzten deshalb, mit dem Abklemmen wenigstens 2 Minuten zu warten.

Dem schließt sich auch der britische Reproduktionsmediziner Andrew Weeks von der Universität Liverpool an, auch wenn dies den klinischen Ablauf verzögere (BMJ 2007; 335: 312-313). Zur Trias in der dritten Phase der Geburt gehören neben der Abnabelung die Gabe von Oxytocin, die den Blutverlust der Mutter vermindert, und eine kontrolliertes Ziehen an der Nabelschnur, die das Ablösen der Plazenta erleichtern soll.

Auch wenn die geltenden Leitlinien in Deutschland raten, die Abnabelung nach 1 bis 1,5 Minuten vorzunehmen, dürfte es für viele Geburtshelfer eine Geduldsprobe darstellen. Wenn die Ergebnisse einer jüngst im BJOG British Journal of Obstetrics and Gynaecology (BJOG; 2007: 114: 845-854) publizierten Umfrage unter europäischen Gynäkologen nicht täuschen, dann plädieren die meisten Geburtshelfer für die sofortige Abnabelung, wobei es allerdings regionale Unterschiede gibt. In Österreich lag die Rate bei 15 Prozent, in der Schweiz bei 69 Prozent, in Frankreich sogar bei 90 Prozent. Deutsche Gynäkologen waren nicht gefragt worden.

 Abstract in JAMA
Quelle: Newsletter Deutsches Ärzteblatt vom 20.08.2007/rme






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